Liebe Mitmenschen!
Schwarze Kriegswolken ziehen bombenschwer herauf. Menschen verachtendes Unheil braut sich über dem Vorderen Orient zusammen. Made in USA: Der Irak im Auge des Krieges.
Obwohl wir alle wissen, daß dieses "Geschick" von politischen Gewalttätern gemacht wird, ducken sich leider viel zu viele in ihrer scheinbaren Ohnmacht. Als könnten wir nichts tun.
Also müssen wir uns fragen: Warum sind wir hier und heute so wenig Leute? Warum ist dieser Platz nicht übervoll? Warum stehen heute nicht lange Menschentrauben vom Michelstädter Rathausplatz bis zum Ende aller Straßen dieser Stadt?
Liebe Mitmenschen!
Der Schriftsteller Bertolt Brecht richtete im Jahre 1952 einen Appell an den Völkerkongreß für den Frieden. Brecht sagte:
Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Unsere Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist fast noch geringer. Diese Abgestumpftheit ist es, die wir zu bekämpfen haben. Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote, wie Leute, die schon hinter sich haben, was sie vor sich haben. So wenig tun sie dagegen. Und doch wird nichts mich davon überzeugen, daß es aussichtslos ist, der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen. Laßt uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen. Damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Laßt uns die Warnungen erneuern, auch wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind. Und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.
Im Jahr 1952, als Bertolt Brecht diesen Appell an uns richtete, war ich 17 Jahre alt. Ich habe diese eindringliche Mahnung nie vergessen.
Liebe Mitmenschen!
Etwa 100 Millionen Menschen wurden durch den Zweiten Weltkrieg getötet. Würde Adolf Hitler, der diesen Krieg in aller Öffentlichkeit vorbereitet hatte, einen "Reichsparteitag der Toten" abhalten und würden die Toten seines Krieges in Dreierreihen an ihm vorbei marschieren, dann benötigten sie für ihren Vorbeimarsch etwa 140 Tage. Tag und Nacht. Ununterbrochen, in jeder Sekunde 3 Menschen.
Was für ein Grauen. Und doch, 1952, 7 Jahre nach 1945, tobte bereits ein neuer blutiger Krieg. In Korea. Damals stand die gesamte Menschheit zum erstenmal in ihrer Geschichte am Rande der Selbstvernichtung. Es wurde, wie 1945 in Hiroshima mörderisch erprobt, mit Atombomben gedroht. Und so ging es über Jahrzehnte. Die nicht enden wollende Blutspur der Kriege nach 1945 zieht sich von Korea, Algerien, Vietnam, Kambodscha, Biafra, Nicaragua, Falkland, Irak, Iran, Jugoslawien, Tschetschenien, Afghanistan und immer wieder Israel und Palästina erneut zum Irak.
Dieser neue Irak-Krieg findet schon statt. In den Köpfen der sogenannten Verantwortlichen. In der Art, wie sie uns belügen und betrügen. In der Art, wie die Medien berichten. In der Art, wie sie über die weltweite Not, über Elend und Armutstod nicht berichten. In der Art, wie die Börsenkurse purzeln. In der Art, wie immer mehr Menschen Arbeit und Würde verlieren. Und in der Art, wie wir einfachen Menschen uns an das Kriegsgeschrei ge-wöhnen sollen. Als wäre der Krieg unaufhaltbar.
Skupellose Politiker vom Schlage eines George W. Bush, Donald Rumsfeld oder Collin Powell und noch einige sind es, die diesen Vernichtungskrieg gegen irakische Zivilisten, Frauen und Kinder in aller Öffentlichkeit vorbereiten.
Sie sagen Saddam Hussein und meinen Öl. Sie reden von ABC- Waffen in Irak, deren Existenz sie nicht beweisen können. Gleichzeitig verlieren sie kein einziges Wort über ihr eigenes unermeßbar großes Arsenal an Massenvernichtungswaffen.
Es geht ihnen nicht um Abrüstung. Es geht nicht um Sicherheit. Es geht ihnen um militärische und ökonomische Globalisierung, um die absolute Weltherrschaft. Sie schreien von internationalem Terrorismus. Dabei wollen sie in Wirklichkeit die ganze arabische Welt von Afghanistan über Irak bis Ägypten beherrschen. Es geht ihnen nicht um Demokratie und Menschenrechte. Nein, sie brauchen Marionetten-Regierungen, die ihnen ihr Wichtigstes garantieren: das schwarze Gold, also alle Öl- und andere Rohstoffquellen un-serer Erde.
Liebe Mitmenschen!
Ich weiß nicht, ob Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügt. Aber meine ganze Lebenserfahrung hat mich gelehrt, allen sogenannten Beweisen von Geheimdiensten und Kriegspolitikern zu mißtrauen. Wir können davon ausgehen, daß die Bush-Regierung längst mit Panzern und Kanonen, mit Bomben und Raketen zugeschlagen hätte, wenn ihr stichhal-tige Beweise für ihre Anschuldigungen vorlägen.
Doch die USA stehen vor einem großen Problem. Sie haben zwar ausreichend konventionelles Kriegswerkzeug und sie haben Massenvernichtungswaffen von unvorstellbarer Zerstörungskraft.
Sie haben schier unerschöpfliche Möglichkeiten, sich korrupte Politiker auf allen Kontinenten zu kaufen. Außerdem können sie fast jedes Land erpressen. Und reiche Länder, die ihren Krieg diesmal nicht mitmachen wollen, versuchen sie zur Kasse zwingen. Vielleicht 50 Milliarden Dollar von Deutschland, 30 Milliarden von Frankreich, 20 Milliarden von Belgien, 15 Milliarden von den Niederlanden und so weiter und so fort.
Aber das große Problem der USA in der heutigen Situation sind wir Menschen in den sogenannten zivilisierten Staaten. Selbst die eigene US-amerikanische Bevölkerung bekommt es langsam aber sicher mit der Angst zu tun. Der Bush-Vasall Tony Blair hat es inzwischen eine Mehrheit von Kriegs-Nein-Sagern gegen sich. Fast überall im guten, alten Europa sagen große Mehrheiten Nein zu einem neuen Golfkrieg.
Die Schröder/Fischer-Regierung hat mit 80 % in der Kriegsfrage ihre einzige Zustimmung der Bevölkerung, wenn sie denn bei ihrem Nein bleibt. Diesem Nein müssen aber noch deutliche Taten folgen! Raus mit den deut-schen Leopard-Panzern aus Saudi-Arabien! Die gefährlichen Luftspione namens AWACS dürfen nicht an den Golf! Startverbot für die US-Nachschub-Flugzeuge von Ramstein, und von der US-Airbase Frankfurt! Keinen Kriegstransit - also gegen alle kriegswahnsinnigen Staaten ein ab-solutes Überflugverbot, geschlossene Seehäfen und Unterbindung ihrer Konvois auf deutschen Straßen!
Hier ein Beispiel, daß solche Forderungen durchsetzbar sind: Der Flughafen Shannon in Südwest-Irland ist seit einigen Tagen für US- Militärflugzeuge gesperrt. Irische Kriegsgegner waren letzte Woche mehr-fach auf das Gelände des Airports vorgedrungen. Zweimal wurden amerikanische Militärmaschinen von Friedensaktivisten gewaltfrei attackiert. Davon können wir deutschen Friedensmenschen uns eine Scheibe abschneiden! Nun sollen wegen der Proteste in Irland in den nächsten Wochen Truppentransporte von Irland aus nach Frankfurt-US-Airbase um- geleitet werden. Wir verlangen, daß die deutsche Bundesregierung dies unterbindet.
Liebe Mitmenschen!
Während des Siebenjährigen Krieges, das war Ende des 18. Jahrhunderts, dichtete ein damals noch unbekannter Poet namens Matthias Claudius:
"Es ist Krieg! Es ist Krieg! Gottes Engel wehre und rede du darein! Es ist leider Krieg und ich begehre nicht schuld daran zu sein!"
Der Pazifist Kurt Tucholsky rief nach dem Ersten Weltkrieg, als das ganze Elend schon fast wieder vergessen war, der Jugend zu:
"Schüttelt es ab, das Knechtschaftsband! Wenn ihr nur wollt, seid ihr alle frei! Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei! Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg! Nie wieder Krieg!"
Wolfgang Borchert, Jahrgang 1921, Soldat im Zweiten Weltkrieg und bereits 1947 an Kriegsfolgen gestorben, entfachte in uns Nachkriegsjugendlichen einen Widerstandswillen, der bei nicht wenigen von uns inzwischen Alten bis heute ungebrochen ist. Ich zitiere aus seinem Manifest gegen den Krieg:
"Du, Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt! Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und Kochtöpfe mehr machen, sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag Nein!
Du, Mädchen hinter dem Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre montieren, dann gibt es nur eins: Sag Nein!
Du, Dichter in der Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Haßlieder singen, dann gibt es nur eins: Sag Nein!
Du, Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins: Sag Nein!
Liebe Mitmenschen!
Ich komme zum Schluß. Mir ging es heute darum, einiges Grundsätzliche zum Problem Krieg und Frieden zu sagen. Die aktuelle Situation macht uns zwar allen zu Recht Angst. Gerade deshalb müssen wir heute auch an Vergangenes denken. Wenn wir uns also fragen, woran es liegt, daß wir heute noch wenige sind, dann liegt dies auch an uns selber. Wir müssen wieder unübersehbar und unüberhörbar aufstehen für den Frieden.
Wir, die wir heute hier und andernorts demonstrieren, müssen jene ermuntern und ermutigen, die auch keinen Krieg wollen, die Schluß haben wollen mit dem immer erneuten Morden. Damit sie morgen mit uns sind und mit uns Nein sagen.
Wir müssen uns und unseren Mitmenschen sagen, daß wir die Erde nur von unseren Enkeln geborgt haben. Sie ist nicht unser Eigentum. Die Erde ist eine Heimstatt auf Zeit. Deshalb laßt uns die Wege des Friedens suchen und finden. Für uns selbst. Für unsere Mitmenschen. Für unsere Nachkommen. Denn es gibt keinen Weg zu Frieden - Frieden ist der Weg.
Stellen wir uns mit unsrer ganzen kleinen Kraft gegen die großen Kriegsherren. Am nächsten Samstag gibt es in den meisten europäischen Hauptstädten große Demonstrationen gegen den Krieg. Wir fahren nach Berlin. Kommt alle mit!
Am übernächsten Samstag, den 22. Februar, fahren wir nach Zeppelinheim und blockieren die Tore der US-Airbase Rhein-Main. Seid alle mit dabei!