Peter Krahulec

Montags - Demo 24.03.03

Wohin denn ich ... ?

Mir geht es momentan so, wie wahrscheinlich den meisten von euch: Fast jede freie Minute verbringe ich vor der Mattscheibe oder schaue in sonstige Medien, um ...Ja, um was ? Meine Position zu diesem vermalmedeiten Krieg steht fest, da brauche ich keine Neuigkeiten. Aber hin- und hergerissen bin ich doch von der Tagesaktualität. Soll ich mich etwa freuen über die Schlagzeile heute in der FZ: "Iraks Gegenwehr wächst" ? Oder tut die andere Nachricht besser ?: "Alliierte stoßen schnell vor" - Wohin denn ich ...?


Auf der Spurensuche zur Balance meines Gefühlshaushaltes bin ich auf zwei mich beeindruckende Aussagen gestoßen. Ich trage sie euch vor; vielleicht können sie auch euch wichtig sein.

Gestern war ich (für meine Generation immer noch sensationell !) im Internet und damit virtuell im us-amerikanischen Senat unterwegs. Natürlich kenne ich und brauche ich die amerikanischen Stimmen, von denen Ellen Weber eben sprach und die zum unverzichtbaren Bestand der Zivilisationsgeschichte gehören: von Harry Belafonte und Pete Seeger bis zu Martin Luther King. Aber welcher amerikanische Politiker hebt heute die Erinnerung daran auf und lebt sie, daß Frankreich einst die Freiheitsstatue den Vereinigten Staaten schenkte, um den Revolutionsidealen "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" einen weiteren Ort zu geben ? Und schließlich schrieben die Mütter und Väter der amerikanischen Verfassung "pursuit of happiness" als Staatsziel der neuen Welt hinein: die Mehrung des Glücks ! Und -auch das sei nicht vergessen - ein russischer Künstler schuf die Plastik, die mit der alttestementarischen Botschaft vor dem UNO-Gebäude steht: Schwerter zu Pflugscharen ...

Doch, ich fand sie, die Sachwalter solcher Politik im us-amerikanischen Senat. Einer von vielen, ist der 85jährige Robert C. Byrd, seit 1958 Vertreter West Virginias, Sproß einer im besten Wortsinne gut-bürgerlichen Familie, wie unsere amerikanische Freundin Trischa weiß. "Unverantwortlich, abscheulich, schamlos" nennt er (in meiner Übersetzung) die Politik der Bush-Administration. Ich zitiere sinngemäß weiter :Original nicht mehr im Netz, aber andere Reden von ihm

Krieg zu erwägen, bedeutet über die schrecklichste der menschlichen Erfahrungen nachzudenken. Dieser Krieg aber stellt einen Wendepunkt in der US-Außenpolitik dar und möglicherweise einen Wendepunkt in der jüngeren Geschichte der Welt. Er ist ein Verstoß gegen internationales Recht und gegen die UN-Charta.

Diese Regierung, die jetzt etwas über zwei Jahre im Amt ist, muß nach ihren Leistungen beurteilt werden. Ich glaube, daß diese Leistungen kläglich sind. In diesen gerade mal zwei Jahren hat diese Administration einen für die nächste Dekade vorgesehenen Überschuß von 5 600 000 000 000 ( = Billionen) Dollar verschleudert und uns zu projektierten Defiziten geführt, soweit das Auge reicht. Die Innenpolitik dieser Regierung hat viele unserer Staaten in einen gräßlichen finanziellen Zustand versetzt, wodurch viele wesentliche Programme für unsere Menschen unterfinanziert sind.

Außenpolitisch hat diese Regierung traditionelle Bündnisse zerrissen und lähmt dadurch möglicherweise für alle Zeiten internationale Ordnungskräfte wie die UN und die NATO. Diese Regierung hat die geduldige Kunst der Diplomatie gewandelt in Drohungen, Abstempelungen und Namensvergleichen von einer Art, die ein armseliges Spiegelbild der Intelligenz und der Empfindsamkeit unserer Führer ist.

Diese Regierung hat ihren ersten Krieg gegen den Terrorismus noch nicht beendet und schon stürzt sie begierig in einen Konflikt, der wesentlich größere Gefahren mit sich bringt als der in Afghanistan. Ist unsere Aufmerksamkeitsphase so kurz ? Haben wir nicht gelernt, das nach einem gewonnenen Krieg, immer auch der Frieden erst gewonnen werden muß ?

"Ehrlich gesagt: Viele Erklärungen dieser Administration sind einfach u n g e h e u e r l i c h . Es gibt kein anderes Wort."

Nun ist aber das Ungeheuerliche eingetreten. Sollen wir also wieder als die Verlierer der Geschichte dastehen ? Die ewigen "Wadenbeißer", die an die Tische der Herrschenden nicht heranreichen ?

Ich habe bei dem ehemaligen französischen Wirtschafts- und Finanzminister Dominique Strauss-Kahn (vgl.Die Geburt einer Nation. Die europaweiten Demonstrationen vom 15. Februar 2003 haben die Einheit des alten Kontinents gezeigt; Auszüge aus Le Monde in: Frankfurter Rundschau, Dokumentationsseite vom 11.3.03) eine Vision gefunden, die gegen solche Entmutigung ansteht und unseren Gefühlen eine epochale Richtung zeigen kann. Er spricht von einem "unvorhergesehen, überraschenden, unwahrscheinlichen Ereignis", dessen Zeugen und Mitwirkende wir alle waren, einem "außerordentlichen Ereignis": "Am Samstag, dem 15. Februar 2003, ist auf der Straße eine Nation geboren. Diese neue Nation ist die europäische Nation". Jenseits der üblichen Kassandra-Rufe kommt es auf einen neuen Blickwinkel an: "Wenn man sich aus der unmittelbaren Gegenwart löst, um den Blick in die Zukunft zu richten, wenn man sich auf die Völker und nicht auf deren Regierungen fokussiert, begreift man, dass die Demonstrationen von London, Rom, Madrid, Paris und Berlin ein bedeutendes Ereignis darstellen und vielleicht einen wichtigen Einschnitt markieren: Es wird ein v o r und ein n a c h dem 15. Februar 2003 geben" !

Ich darf einfügen: Laßt die der Destruktion verpflichteten Kräfte den 11.9. als Symboldatum nehmen und behaupten, danach sei nichts mehr so wie vorher. Mit gleichem und vermutlich besserem Recht behaupten wir: Auch nach dem 15.2.2003 wird nichts mehr sein wie vorher !

Weiter mit Strauss-Kahn: "Beim Flanieren in einer europäischen Stadt wußte jeder, auf welchem Kontinent er sich befindet. Wenn einer einen europäischen Film anschaute, war ihm klar, in welchem Teil dieser Welt das betreffende Werk entstanden war.

Heute - und dies ist etwas ganz anderes - erleben wir die Entstehung einer europäischen Nation. Auf ein und demselben Kontinent, an ein und demselben Tag und für ein und dieselbe Sache haben sich die Völker gegen den Krieg erhoben. Und plötzlich werden wir uns bewußt, daß diese Völker eins sind.

Wir werden uns bewußt, daß die Europäer eine gemeinsame Sicht der Weltordnung haben: eine, die weit entfernt ist von einsamen Entscheidungen in einem ovalen Office. Wir werden uns bewußt, daß die Europäer die gleiche Botschaft an ihre Regierungen richten, eine Botschaft, die da lautet: Make the Union, not War ! !

Und wer wird sie gestalten, diese "union of peace and justice" ? Nicht zuletzt die vielen jungen Menschen, die Schüler, die heute wesentlich die neue Friedensbewegung tragen: 50 000 neulich in Berlin und 5 000 alleine in Kassel - und viele auch heute unter uns 600 auf dem Fuldaer Universitätsplatz, der damit seinem Namen Ehre macht. Eine Umfrage der Zeitschrift "Eltern for family" hat neulich erbracht: Schüler sind noch stärker pazifistisch als der Rest der Deutschen (vgl. FR vom 13.03.03) Zwei der Jungen zitiere ich stellvertretend aus diese Umfrage (und sie passen zu Detlev Kühns eben vorgetragener "Entschuldigung): "Die so genannte soldatische Tapferkeit, sagte eine 16jährige Gymnasiastin, "das ist für mich nur Propaganda. Damit macht man die jungen Männer kirre!" Und ein Zwölfjähriger Kündigte für den Kriegsfall seine Desertion an: "Das hat nichts mit Feigheit zu tun, sondern ist mein Protest gegen das Kriegsführen. Desertieren verlangt Mut und ist ehrenvoller, als vor jedem Feldwebel den Arsch zusammenzukneifen".

Nehmen wir das mit auf unsere Demonstration durch unsere Stadt ....