Peter Krahulec

Als einer über 50, aber immerhin „UHU“ : unter 100, freue ich mich – trotz des traurigen Anlasses – so viele junge Menschen hier zu sehen, die mit mir der Meinung sind: Eine Welt ohne Krieg, eine bessere Welt ist möglich !



Ich bin alt genug, um daran zu erinnern: Dieser Staat, die Bundesrepublik Deutschland, ist, nach den Verbrechen der Nazis, gegründet worden auch unter der Losung: „Nie wieder Krieg!“, „Nie wieder soll von deutschem Boden Menschenschlachten ausgehen!“. Die Völkergemeinschaft hat diese Lehren aufgenommen in die immer noch sensationellen Grund-Sätze des Artikel 1 der „Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte“ der UNO: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit / Geschwisterlichkeit begegnen.“

Eine Politik, die fälschlicherweise Realpolitik genannt wird, hat diese Freiheits- und Gleichheitsversprechen für alle Menschen geradezu in ihr Gegenteil verkehrt. Und so wurde etwa ein niederbayrischer Landrat, der noch 1947 sagte: Dem soll die Hand verfaulen, der wieder ein Gewehr anfasse, - Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland, Franz-Josef Strauß, der sich gar für die Atombewaffnung der Bundeswehr einsetzte.

Mehrheiten waren selten die Sachwalter der großen Hoffnungen der Menschheit; Minderheiten waren ihr Sauerteig und ihr Sauerstoff. Die sozialen Bewegungen, die die Bundesrepublik als „Menschenbeben“ begleiteten, schrieben eine andere Geschichte eines anderen Deutschland : von der Paulskirchenbewegung, über die Ostermarschierer, die Bewegung gegen den Vietnamkrieg, die Schüler- und Studentenbewegung der sechziger und die Frauen-, Friedens- und Umweltbewegung der achtziger Jahre bis hin zu Attac heute und euch, die ihr den Übergang in ein neues Jahrtausend gestalten sollt



Nehmt bitte drei Einsichten mit, die wir Älteren in den vergangenen Jahrzehnten mühsam gelernt haben.

Erstens: Als der Kalte Krieg am kältesten und die Welt in zwei Supermächte zerrissen war und wir hier im sogenannten „Fulda Gap“ zum atomaren Schlachtfeld der ersten Stunde verdammt waren, da zeigte sich deutlich und unvergeßlich, wozu nur die Militärapparate und Overkillpotentiale in der Lage waren. Sie nannten die „Drohkulisse“ (wie es heute heißt) damals „mutual assured destruction – gegenseitig zugesicherte Zerstörung; und kürzten es zutreffend ab: m-a-d; meint auch „mad“ = verrückt. Ja, das ist die eine Lehre: Militärapparate in Aktion, also im Krieg, ver-rücken alle menschlichen Maßstäbe in ihr zerstörerisches Gegenteil. Vor einer solchen Weichenstellung stehen wir jetzt: Krieg soll wiederum als Mittel der Politik legalisiert und gutgeheißen werden. Krieg aber ist das Ende und das Versagen jeder Politik. Wir widersprechen der Behauptung, daß ein Krieg gegen den Irak unausweichlich sei und die Sicherheit in dieser Region erhöhen würde. Nichts, schon gar nicht das Völkerrecht, rechtfertigt einen Präventivschlag gegen ein Land, dessen Bevölkerung unter einer menschenverachtenden Diktatur, unter den Folgen des letzten Krieges und unter den Folgen einer 12jährigen Blockade leidet.

Zweitens: Im Krieg und seiner Vorbereitung ist immer die Wahrheit das erste Opfer ! Laßt euch nicht verdummen, wagt selber zu denken und sucht eigene Orientierungen entlang den Versprechen der Menschenrechte. 70 % aller Deutschen und Franzosen sind gegen diesen Krieg, 87 % der Spanier, fast 90 % der Italiener, vier Fünftel der Schweizer, 87 % der Türken und so weiter. Aber was wird veröffentlicht, wie funktioniert die veröffentlichte Meinung – und was resultiert dann als „öffentliche Meinung“ ? Demonstrationen sind zur eigenen Ermutigung not-wendig, aber sie reichen nicht aus, weil konstanter, nicht nur punktueller Druck ausgeübt werden muß. Macht euch deutlich im Alltag, in der Familie, in der Schule, in der Clique, auf der Straße. Schreibt Leserbriefe, droht der Fuldaer Zeitung, das Abo zu kündigen, wenn sie nicht angemessen über die Friedenssehnsucht und Friedensbereitschaft der osthessischen Jugend berichtet. Äußert euch, seid Sand, nicht Öl im Getriebe dieser Welt ...

Und drittens: Leute meines Berufsstandes haben Militärpolitik die „organisierte Friedlosigkeit“ genannt. Da herrschen Befehle, Monitore und Knopfdrücken – das ist leicht. Den Frieden zu organisieren ist schwerer. Da braucht´s den Mut ohne Befehl, die Courage vor dem Freund, die Kraft zum Nein-Sagen. Wolfgang Borchert hat uns 1946 einen zeitlosen Text geschrieben: „Sag nein!“ – vielleicht habt ihr ihn in der Schule gelesen (oder kümmert euch morgen darum!); „Europeans cry no!“ haben wir in den achtzigern den Raketenstationierungen entgegengehalten. Und „Not in my name!“ ist eure Losung heute. Sagt sie, wo ihr geht und steht; darin besteht die Macht der scheinbar Ohnmächtigen: Ich kann es (noch) nicht verhindern, aber das, was geschieht, geschieht nicht in meinem Namen – not in my name!

Denn darin hebt sich auch auf die Hoffnung der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und die vieler Menschen weltweit, die Hoffnung, die auch uns hier versammelt hat und die wir am 15. mit nach Berlin nehmen sollten:
„... deep in my heart, I do believe, that we shall overcome – some day ...“