Fuldaer Zeitung/Hünfelder Zeitung
Kinzigtal-Nachrichten/Schlitzer Bote
vom 21.01.2003 S.2 (hervorhebung von FWB)
Es scheint, als ob sich dieser Tage wieder einmal der Spruch con Michael Gorbatschow bewahrheitet, wonach das Leben, denjenigen bestraft,, der zu spät kommt.
Wo war denn die Friedensbewegung, als George W. Bush vor Monaten seinen Plan verlauten ließ, einen zweiten Golfkrieg beginnen zu wollen? Nichts rührte sich. Der Widerstand, wenn's denn überhaupt einen gab, beschränkte sich auf diplomatische Floskeln, als wolle man der letzten verbliebenen Supermacht bloß nicht in die Quere kommen.
Mittlerweile sind über hunderttausend amerikanische Soldaten in der Krisenregion stationiert, und ob der Angriffsbefehl jetzt noch zu vermeiden ist, darf mit einem Fingerzeichen versehen werden. Dennoch ist es gut zu wissen, dass in den Köpfen der Weltöffentlichkeit zurzeit doch noch so etwas wie ein Umdenken stattfindet. Flankiert von Papst Johannes Paul 11, der sich in diesen dunklen Stunden einmal mehr als Lichtgestalt erweist, und von Staatsmännern wie Gerhard Schröder oder Jacques Chirac, die auf eine friedensdienliche Politik setzen, formiert sich endlich eine Opposition gegen Bush. Allein in Washington gingen am Wochenende eine halbe Million Menschen auf die Straße. Das ist wichtig und höchste Zeit, denn am Ausgang der Irak?Frage hängt mehr als nur das Schicksal des Landes am Golf. jetzt werden die Weichen gestellt für die Zukunft des gesamten Globus.
Denn: Zieht der Texaner Bush sein Vorhaben durch, dann hatten droht Gefahr gleich in mehrerlei Hinsicht. Zum einen würde der Sturz Saddam Husseins nicht abzuschätzende Konsequenzen für den gesamten Nahen Osten nach sich ziehen; der Kampf der Kulturen und Religionen, der am 11. September 2001 seinen bisherigen Höhepunkt hatte, könnte dann völlig ? aus dem Ruder laufen. Weitere Terroranschläge wären möglich sein werde programmiert. Überdies würde eine willkürlich handelnde Bush?Regierung, die allein aus wirtschaftlichen Interessen heraus alle Mahnungen und Warnungen ignoriert, selbst in nichtislamischen Staaten dem Antiamerikanismus Vorschub leisten, das wäre eine fatale Entwicklung für den Weltfrieden
Es läuft also alles auf eine Frage hinaus: Haben die USA aus ihrer Geschichte gelernt und werden ihrer Rolle als verantwortungsvolle Supermacht (im Sinne der Völkergemeinschaft) gerecht? Oder setzen sie ? wie weiland in Vietnam auf Allmacht? Die nächsten Wochen sind entscheidend
Leserbrief zum Kommentar von Matthias Witzel in der FZ vom 21.01.03 "Warum erst jetzt?"
(gekürzt veröffentlicht in der FZ vom 25.01.03 )Sehr geehrter Herr Matthias Witzel,
indirekt der Friedensbewegung vorzuwerfen mehr oder weniger schuld zu sein, daß der Krieg gegen den Irak wohl nicht mehr zu verhindern sei, da man zu spät in die Puschen gekommen ist, finde ich einen bedauerlichen Auftakt ihres Kommentars.
Sie wissen selbst am besten von der Macht der Medien. Monatelang wurde Bushs Blödsinn von der Achse des Bösen nachgebetet, jedem Protest Saddam-, Terrorismussympathie oder Amerikafeindlichkeit vorgeworfen, gleichzeitig bestehende Gegenpositionen, stattfindende Protestdemonstrationen in der Berichterstattung kleingehalten. Ich stimme Bernd Gäbler, dem Geschäftsführer des Grimme Instituts voll zu, wenn er einen Journalismus der Deeskalation fordert und an die Redaktionen appelliert über friedliche Konfliktlösungen zu berichten und mehr Hintergrundinformationen zu liefern ( siehe den Artikel in der FZ vom 21.1.03). "Warum erst jetzt?" lässt sich auch dabei fragen. Aber die Zeit ist zu ernst sie mit gegenseitigen Versäumnisvorwürfen zu vertun, fragen wir uns doch eher, was wir gemeinsam gegen die drohende Kriegsgefahr mit nicht absehbaren Folgen noch unternehmen können. Deutschland übernimmt die Truppenführung in Afghanistan, verstärkt sein Truppenkontingent auf dem Balkan um in beiden Fällen US-Truppen freizusetzen. Spürpanzer und eine ABC-Truppe befinden sich schon in der irakischen Krisenregion,
deutsche Luna-Drohnen fliegen über dem Irak und liefern ihre Fotos an die US-Militärs. AWACS-Flugzeuge mit deutscher Besatzung sind zur Unterstützung angefordert, deutsche Flugplätze stehen den Amerikaner als Umschlagplatz oder Startrampe zur Verfügung. Wie sind diese Tatsachen mit dem Wahlversprechen unserer rotgrünen Regierung vereinbar, den Waffengang im Irak nicht zu unterstützen? Die Erfahrung lehrt, daß Politiker wohl aller Couleur heute weniger auf Grundlage einer programmatischen Politik handeln, als danach, welche Positionen ihre Macht erhalten, bzw. sie an die Macht bringen. Deshalb gilt es deutlich zu machen, daß wir mit jeglicher deutschen Beteiligung am Irakkrieg nicht einverstanden sind. Erinnern wir deutsche Politiker an ihr Wahlversprechen und zeigen wir Amerika, daß wir mit einer kriegerischen Auseinandersetzung nicht einverstanden sind. Eine gute Gelegenheit bietet sich bei der bundesweiten Friedensdemonstration am 15. Februar in Berlin! Das US-Abenteuer in Vietnam wurde erst nach massiven Protestkundgebungen beendet, versuchen wir ein neues Vietnam schon vor Ausbruch zu vermeiden.
Manfred Borg