Pfarrer Henke

Martin Luther Kirche, Fulda

Als Vertreter einer der beiden großen christlichen Kirchen in dieser Stadt fällt es mir eigentlich leicht, eine eindeutige Position zum Krieg im Irak zu beziehen; zumal beide Kirchen in diesem Punkt die gleiche Linie vertreten. Natürlich, wie könnte es anders sein: Die Kirchen mahnen den Frieden ein. Die Zeiten des Waffensegnens sind - gottlob - vorbei. Wir können auch keine Beihilfe bei der Begründung eines "gerechten Krieges" leisten. Auch wenn dies auf einer Seite der kriegsführenden Parteien schmerzlich vermisst wird. Es ist die Botschaft Jesu, die hier eindeutige Worte spricht: "Liebt eure Feinde, bittet für die, die euch verfolgen." Eindeutiger geht es nicht mehr.

Und doch ist es nicht ganz so leicht, eine eindeutige christliche Position zum Frieden und zum Krieg im Irak zu beziehen. Daher möchte ich diesen Auftritt hier und jetzt nutzen, die Appelle der Kirche für den Frieden vor einer unberechtigten Inanspruchnahme und den Missbrauch zu verteidigen. Das ist im Hinblick auf diejenigen gesagt, die wie unser Außenminister Fischer mit seinem demonstrativen Besuch beim Papst oder wie der Kanzler mit seiner wohlkalkulierten Einladung der evangelischen Kirchenführer Friedensbotschaften instrumentalisieren und sich einen Heiligenschein für ihre eigenen Interessen zulegen. Diese Art, sich die Stimmen der Kirche zu erkaufen, ist in etwa so rechtschaffen, wie das Werben einer Angela Merkel für den Krieg naiv ist.

Es ist aber auch im Hinblick auf diejenigen gesagt, die den Kirchen vorwerfen, mit ihrem Mahnen für den Frieden predige sie nur weltfremde Worte, die keinen Bezug mehr zur Wirklichkeit haben.

Denen allen sei gesagt, das die Kirchen wie auch der Papst sehr wohl Differenzierungen vorgenommen haben und nicht in weltfremder Naivität den Frieden herbeipredigen, der dann keiner ist. Denn es ist überhaupt kein Geheimnis, dass ein Diktator wie Saddam Hussein, der die Menschenrechte in seinem Land seit Jahren tritt, nicht per se Artenschutz genießt und um des lieben Friedens willen tun und lassen kann, was er will. Die christliche Tradition kennt sehr wohl auch das Notwehrrecht als ultima ratio. Der Pfarrer und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer sprach im Blick auf die repressive Judenpolitik der Nationalsozialisten davon, dass ein Christ zum gewaltsamen Widerstand gegen den Staat genötigt sein kann, wenn dieser seine Mitmenschen drangsaliert. Aus diesem Notwehrrecht heraus ergibt sich, dass es im Blick auf die irakische Bevölkerung überhaupt nicht verwerflich ist, einen Mann wie Saddam Hussein von seinem Amt abzusetzen, und sei es mit Gewalt. Dieses Notwehrrecht, das die Gewalt als letzte Möglichkeit rechtfertigt, sieht den Schutz des Dritten als vorrangiges Ziel an.

Doch rechtfertigt dieses christliche Notwehrrecht weder den Krieg zur Ausweitung der eigenen wirtschaftlichen Interessensphäre oder die angebliche Prävention vor zu-künftigen terroristischen Übergriffen oder den Selbstbehauptungswillen einer Großmacht. Und noch viel weniger lässt sich das Notwehrrecht wie auch das Evangeli-um Jesu einem gottgegebenen Auftrag dienstbar machen, so wie das der Präsident der Vereinigten Staaten für sich in Anspruch nimmt. Denn zu sagen, die Vereinigten Staaten erfüllten einen gottgegebenen Auftrag mittels kriegerischer Aktionen die Welt von dem Diktator Saddam Hussein zu befreien, ist schlichtweg Blasphemie, ist Irrglaube.

Aus christlicher Sicht und für diesen Krieg gilt: Diejenigen, die sich nun lautstark die Botschaft Jesu von der Feindesliebe zunutze machen und sie instrumentalisieren, haben zu kurz gedacht. Es gibt auch ein Eintreten für die Opfer eines Regimes, notfalls mit Gewalt. Aber denjenigen, die diesen Krieg im Irak führen, sei von diesem Ort aus gesagt, dass rein gar nichts in der Botschaft Jesu diesen Akt der Gewalt gutheißen kann. Weil er übereilt und voller Berechnung geschah, ohne andere Mittel zum Frieden bis zum letzten auszuschöpfen. Weil er für andere, verwerfliche Zwecke, und dazu zähle ich auch die wirtschaftlichen Interessen, angefangen worden ist. Und deshalb ist hier zu sagen: Um Jesu willen "Nein" zu diesem Krieg