Evangelische Christen für Frieden und Gerechtigkeit! Ausrufungszeichen!
Evangelische Christen für Frieden und Gerechtigkeit ist nicht nur der Name der Gruppe, für die ich hier spreche. Es ist gleichzeitig ein Aufruf.
Christinnen und Christen können den Krieg nicht gutheißen. Krieg ist kein akzeptables Mittel, um sich mit dem Bösen in der Welt auseinander zu setzen oder es sogar zu vernichten, sondern Krieg ist immer ein Versagen der Menschheit, wie es der Papst sehr klar formuliert hat. Einen gerechten Krieg kann es nicht geben, denn jeder Krieg produziert Ungerechtigkeit, indem er unweigerlich zu Leid und Tod unschuldiger Menschen führt.
Ich erinnere an das Bekenntnis des Weltrates der Kirchen, das 1948, noch unter dem furchtbaren Eindruck des 2. Weltkrieges, formuliert wurde: 'Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.' Gerechter Friede ist das, wofür sich die Menschen und die Staaten der Welt gemeinsam einsetzen müssen. Ohne Gerechtigkeit kann es keinen Frieden geben. Ungerechte Verteilung von Gütern und Ressourcen ruft Gewalt hervor. Gewalt provoziert Gegengewalt, und es kommt zu einer Eskalation, die kaum noch zu stoppen ist. Ein gerechter Friede wurzelt im Respekt vor dem anderen Menschen, der Anerkennung seines Rechts auf Leben und Entfaltung. Unser Ziel kann deshalb nur gerechter Frieden sein, wir erklären dem Krieg eine klare und eindeutige Absage.
Wir alle wissen um die Gefahren durch den weltweiten Terrorismus und sehen die Notwendigkeit, ihm nach besten Kräften zu widerstehen. Aber kann der Terrorismus wirklich besiegt werden durch den Krieg gegen ein Land, dessen Volk verarmt ist, das durch die Sanktionen nach dem letzten Krieg eine Million Hungertote hatte, dessen medizinische Versorgung vollkommen unzureichend ist, dessen Kindersterblichkeit in den letzten 10 Jahren um 160% gestiegen ist? Diese Fakten sind gesichert, eine Verbindung der irakischen Führung zum Terrorismus ist nicht belegt. Doch selbst wenn es eine solche Verbindung gäbe, hat doch kein Staat das Recht zur Blutrache.
Der Krieg gegen den Irak trifft zuerst das Volk. Für die Politik und die Verbrechen des Diktators kann es nicht verantwortlich gemacht werden Die Bestrafung von Verbrechen kann nur nach international anerkannter Ordnung geschehen, auf der Grundlage der UN-Charta. Wer aber internationales Recht missachtet, ruft neue Gewalt und neuen Terror hervor. Hass und extremistische Ideologien in den arabischen Ländern gegenüber der nordamerikanisch-atlantischen Außenpolitik werden gestärkt, die ganze Region wird instabil: Sunniten kämpfen gegen Schiiten, gegen Kurden, gegen Israel und gegen "den Westen".
Ein Präventivkrieg - auch wenn er elegant als Präemptivkrieg bezeichnet wird, der nur der Verteidigung gegen einen erwarteten Terrorangriff dient, - verstößt gegen das internationale Recht. Es muss deutlich gesagt werden: Dies ist ein Angriffskrieg. Der Versuch, ihn zu rechtfertigen, wirft die internationale Gemeinschaft um ein Jahrhundert zurück.
Niemand kennt die Schrecken eines Bombenkrieges und einer Diktatur besser als die Deutschen. Hier unter uns sind Menschen, die die Bombenangriffe auf Fulda, den Einsturz des Eingangs zum Grezzbachtunnel und die zerstörte Innenstadt noch in Erinnerung haben. Andere haben miterlebt, wie Dresden oder Berlin verbrannten, oder sehen noch die Flüchtlingsströme aus dem Osten vor sich. Sie haben sich gewünscht, nie wieder etwas Ähnliches erleben zu müssen. Haben wir nicht als Deutsche, deren Volk bereits zwei furchtbare Kriege begonnen hat, ganz besonders die Verpflichtung, jedem Angriffskrieg energisch entgegenzutreten? Wir sind zuallererst verpflichtet, den Irak-Krieg der US-Regierung als völkerrechtswidrig und unmenschlich abzulehnen und von unserer Regierung zu fordern, dass sie bei ihrem klaren Nein zum Krieg bleibt und keinerlei Unterstützung leistet.
Darüber hinaus haben wir die Verpflichtung, dem Fremdenhass in unserm Land entgegenzutreten und den Menschen in der muslimischen Welt die Furcht zu nehmen, die sogenannte westliche Christenheit stelle sich gegen ihre Kultur, ihre Religion und ihre Werte. Ebenso müssen wir vermeiden, die US-Bürger unter uns mit der Regierung Bush zu identifizieren und auszugrenzen. Wir müssen die Zusammenarbeit für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde mit allen Menschen suchen - ein Bündnis der Gut-willigen.
Wie kann jetzt die Gewalt so schnell wie möglich beendet werden? Ich weiß es nicht. Wir können nur mit unserer Anwesenheit hier, gemeinsam mit friedliebenden Menschen überall auf der Welt, ein Zeichen der Solidarität und Unterstützung an die Menschen im Irak, im Nahen Osten und auch in den USA geben, die einen gerechten Frieden wollen.
Ich lade Sie noch einmal ein zum Friedensgebet in der Christuskirche um 18 Uhr.
Gertrud Goeb